Veröffentlichungen
„Mit Skalpell und Federkiel“
Romanbiografie über den Homöopathiebegründer Samuel Hahnemann
Brünne-Verlag Berlin, März 2005
Zum Inhalt
Die Medizin befand sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Umbruch. Drastische Behandlungsmethoden wie Aderlass, Abführ- und Brechmitteltorturen standen wissenschaftlichen Entdeckungen und neuen Ideen gegenüber. Das Zeitalter der „heroischen Medizin“ ging zu Ende. In dieser Zeit setzt sich Samuel Hahnemann, ein junger, mittelloser Mann aus Meißen, gegen familiäre Widerstände durch und erreicht den Zugang zum Medizinstudium. Vier Jahre lang lernt und hungert er und promoviert schließlich 1779 in Erlangen. Danach beginnt er zu praktizieren, stellt jedoch bald fest, dass er seinen Patienten mit dem erworbenen Wissen nicht wirklich helfen kann. Während er mit seiner Familie ruhelos durch Deutschland wandert, schreibt, forscht und laboriert er und entwickelt eine neuartige, ganzheitliche Heilmethode: Die Homöopathie. Das Buch beschreibt die spannende Entwicklung Hahnemanns, seinen Kampf gegen Anfeindungen und Widerstände bis hin zu seinen ersten Erfolgen als „niedergelassener Homöopath“ in Leipzig und Köthen
Leseprobe
Ich will kein Kaufmann werden
Das Jahr 1770 war fast vergangen. Es war ein friedliches, aber sorgenvolles Jahr für Sachsen gewesen. Das Land kämpfte mit den Folgen des Siebenjährigen Krieges. Fast die gesamte Zeit von 1756 bis 1763 hatte es unter preußischer Militärverwaltung gestanden. Die Bilanz waren 300 Millionen Taler Staatschulden und 140.000 Tote. Noch immer gab es zerstörte Häuser, brachliegende Felder und die Wirtschaft erholte sich nur langsam.
Rhythmisch schlug das Bündel gegen Samuels Rücken. Die Füße schmatzten auf dem lehmigen Weg. Zu beiden Seiten tauchten kahle Büsche und Obstbäume auf und verschwanden hinter ihm im Novembernebel. Seit er das gerade erwachte Leipzig vor zwei Stunden verlassen hatte, war er nur wenigen Menschen begegnet. Er kam zügig voran. Heute wollte er es bis Oschatz schaffen. Morgen Abend würde er daheim in Meißen sein.
Meißen..., Heimweh krampfte den Magen des Fünfzehnjährigen zusammen. Überdeutlich sah er das kleine Haus in der Triebischvorstadt vor sich, die schmalen Fensterreihen zum Neumarkt, den Fleischsteg über den Bach zur Stadt. Seit Ostern, seit dem Beginn seiner Lehre bei Meister Fiebig, hatte er nichts von zu Hause gehört. Er vermisste die Geschwister, die Mutter, die Kammer unter dem Dach, die er sich mit seinem Bruder August geteilt hatte. An den Vater dachte er lieber nicht.
Der Nebel war in leichten Regen übergegangen. Samuel wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Die Augen brannten. Obwohl er allein war, schämte er sich für seine Tränen. Der Weg wurde breiter. Zu beiden Seiten standen Bauernhöfe. Hunde bellten. In den Ställen rumorte das Vieh. Samuel eilte durch das erwachende Dorf und entfernte sich immer weiter von Meister Fiebig und der nach Hering, ranziger Butter und Stiefelwichse riechenden Materialwarenhandlung in der Leipziger Ritterstraße.
Als er bei Wurzen die Mulde überquerte, war es hoher Vormittag. Der Nebel hatte sich gelichtet. Hinter der dicken, grauen Wolkendecke deutete sich in Streifen die Sonne an. Er hatte Hunger und suchte einen Platz zum Rasten. Die Wiesen am Wegrand waren nass. Samuel ging weiter. Er begegnete Bauern mit Karren und geriet, ohne es zu wollen, in die Gassen der Stadt. Am Brunnen vor dem Rathaus machte er Halt. Er trank in großen Zügen kaltes Wasser und schrak auf, als neben ihm eine Henne gackernd mit den Flügeln schlug. Kurz darauf wurde sie von den kräftigen Händen einer Bäuerin gepackt. Die dicke Frau lächelte dem Jungen freundlich zu und brachte die Henne zurück in ihren Käfig. Samuel schlenderte über den Platz. Er beobachtete feilschende Händler, Mägde mit großen Körben am Arm und Hauben tragende Frauen. Auf Strohmatten waren Äpfel und Rüben ausgelegt. Eier türmten sich in Holzschalen. Eine hagere Alte pries frische Ziegenmilch an. Samuel lief das Wasser im Mund zusammen. Daheim war er oft mit der Mutter auf dem Markt gewesen. Bevor ihn das Heimweh wieder packen konnte, beschleunigte er die Schritte und schlängelte sich aus dem Gewühl in eine stille Seitengasse. An der Kirche setzte er sich auf die Stufen vor dem Portal, legte sein Bündel neben sich und löste den Knoten. Die rot karierte Bettdecke enthielt alles, was er besaß. Vorsichtig schob er die Kniehose und das leinene Hemd beiseite, zog einen Kanten Brot heraus und biss hungrig hinein. Dankbar dachte er an Marie. Als er heute im Morgengrauen aus seiner Schlafkammer über die Stiege geklettert war, hatte das Mädchen in der Küche vor dem Kamin gekniet. Wortlos war sie aufgestanden, hatte Brot und eine Renette aus der Vorratskammer geholt und ihm traurig nachgeschaut, als er das Haus durch die Hintertür verließ. Samuel zwang sich, langsam zu kauen. Die Wegzehrung musste noch bis morgen, bis nach Hause reichen. Er besaß keinen Pfennig. Meister Fiebig hatte sogar gedroht, vom Vater noch Geld zu fordern, wenn er keinen neuen Lehrling finden würde.
Wieder drängte Samuel die Gedanken an den Vater beiseite und kramte in seinem Bündel. Da war es. Liebevoll strich er über den Einband eines kleinen, schwarzen Buches, schlug den Deckel zurück und betrachtete die Abbildungen. Blüten, fein geäderte Blätter, Zapfen mit regelmäßigen Schuppen, alles war sauber und sorgfältig gezeichnet.
„Humulus Lupulus, Familie der Cannabineae, Gattung: Lupulus“, flüsterte er vor sich hin. Der Hopfen wucherte am Zaun im Garten hinter dem Elternhaus. Zeichnung und Beschreibung der Pflanze hatte er im vorigen Jahr angefertigt. Samuel blätterte weiter. Digitalis purpurea – Roter Fingerhut. Linum usitatissimum. In seiner Kammer hatte er ein ganzes Bündel Flachs mit wissenschaftlicher Neugier in seine Bestandteile zerlegt und den herben Geruch noch tagelang in Kleidern und Haaren getragen. Nachdenklich strich er über die Seiten. Auf die exakte Katalogisierung und Beschreibung der Pflanzen war er besonders stolz. Er hatte sich dabei nach dem „Systema naturae“ des schwedischen Naturforschers Linné gerichtet und war dafür vom Vater und auch von Magister Müller gelobt worden.
Plötzlich fiel ein Schatten auf das Papier. Samuel schaute hoch und in das strenge Gesicht eines Geistlichen. Rasch stand er auf. Er murmelte einen Gruß. Das Buch hielt er dabei fest an die Brust gedrückt. Der Pfarrer musterte die schmale Gestalt, das armselige Bündel und schüttelte den Kopf.
„Was tust du hier?“
„Ich komme aus Leipzig und will nach Meißen“, stotterte der Junge und fügte leise hinzu: „Ich heiße Samuel Hahnemann.“
Der Blick des Pfarrers milderte sich. Mit einer knappen Geste forderte er ihn zum Mitkommen auf. Wenig später saß Samuel im Pfarrhaus am Küchentisch, vor sich eine Schüssel Bohnensuppe und löffelte dankbar. Die nächste Mahlzeit würde er erst zu Hause bekommen. Die Magd sah mitleidig in das blasse Gesicht.
„Wenn du fertig bist, sollst du zum Pfarrer kommen.“
Sie zeigte ihm den Weg in das angrenzende Studierzimmer. Samuel klopfte, öffnete zögernd die Tür und blieb auf der Schwelle stehen. Es roch nach Staub und Büchern, eine vertraute Mischung, die ihn an seine Zeit in der Meißener Lateinschule erinnerte. Der Pfarrer blickte von seiner Arbeit auf und winkte ihm, näher zu kommen.
„Was hast du in Leipzig gemacht?“
„Ich war Kaufmannslehrling.“
Die Antwort kam stockend. Nach ein paar Schritten blieb Samuel vor dem großen, dunklen Schreibtisch stehen.
„Warum bist du weggegangen?“
„Ich habe es nicht mehr ausgehalten.“
Der Pfarrer sah ihn verwundert an.
„Hat dich dein Lehrherr geschlagen?“
„Oh, nein.“
„Hast du nicht genug zu essen bekommen?“
Samuel schwieg und suchte nach Worten. Dann brach es aus ihm heraus:
„Ich will kein Kaufmann werden!“
Die Stille im Zimmer wurde durch klappernde Töpfe aus der Küche unterbrochen.
„Kaufmann ist ein angesehener Beruf.“
Der Pfarrer kramte in den vor ihm liegenden Papieren. Samuel nahm seinen ganzen Mut zusammen.
„Ich will studieren.“
Eine Weile blieb es still. Dann fragte der Pfarrer: „Weiß dein Vater davon?“
Samuel schoss das Blut in die Wangen. Er schüttelte er den Kopf. Wieder war es still.
„Du wirst es heute nicht bis nach Meißen schaffen.“
Der Hausherr griff nach Feder und Tinte. Samuel wartete. Kurze Zeit später hielt er einen Brief in den Händen, in dem der Pfarrer seinen Amtsbruder in Oschatz bat, dem angehenden Studiosus Samuel Hahnemann für eine Nacht Obdach zu gewähren.
Entstehungsstory / Fachartikel
zur Romanbiografie über Samuel Hahnemann und zur Homöopathie-Geschichte
In meiner aktiven Zeit als Fachjournalistin für Pharmazie/Medizin gab es im Jahr 1996 im Dresdner Hygienemuseum eine große Ausstellung zum Thema Hahnemann und Homöopathie. Zweihundert Jahre zuvor, im Jahr 1796 hatte Samuel Hahnemann sein similia-similibus Prinzip formuliert und damit den Grundstein für die Entwicklung der Homöopathie gelegt. Mein Part zur Ausstellungseröffnung war die Berichterstattung für mehrere Fachzeitschriften und konfrontierte mich zum ersten Mal in vollem Umfang mit der spannenden Biografie des Homöopathie Begründers und mit seinem beeindruckenden Nachlass. Bücher, wie das berühmte Organon, Arzneimittellexika, Patientenakten, Möbel, Einrichtungsgegenstände und Utensilien zur Herstellung homöopathischer Präparate waren aus der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart, aus Sammlungen in Paris und aus dem Hahnemann House Trust in London zusammengetragen worden. An diesem denkwürdigen Tag nahm ich mir vor, mich näher mit Hahnemann zu beschäftigen und seine Biografie zu erforschen. Im Jahr 2005, in neun Jahren, jährte sich sein Geburtstag zum zweihundertfünfzigsten Mal. Zeit genug, dachte ich, für eine gründliche Recherche und für das Schreiben einer Romanbiografie. Meine Zielgruppe sollten Leser sein, die sich für Homöopathie und Medizingeschichte interessierten und gern spannende Biografien lasen. Gedacht, getan . . .
In den folgenden Jahren nutzte ich jede Gelegenheit, zu recherchieren. Ich arbeitete mehrere Tage lang in den Räumen der Robert Bosch Stiftung hoch über den Dächern Stuttgarts, blätterte und las ehrfurchtsvoll in originalen Texten, besuchte das medizinhistorische Museum in Wien, das Archiv der Leipziger Universitätsbibliothek, das Stadtarchiv Meißen und erkundete wichtige Wohn- und Arbeitsorte Hahnemanns in Meißen, Dessau und Köthen. Monatelang betrachtete ich die Recherche als ein interessantes Hobby neben meiner Arbeit als Pharmazeutin und Fachjournalistin. Allerdings verging die Zeit dabei viel zu schnell und etwa ein reichliches Jahr vor Hahnemanns Jubiläum bekam ich einen Schreck. Wenn das Buch noch rechtzeitig zum Geburtstag am 10. April 2005 erscheinen sollte, musste ich schnellstens mit dem Schreiben beginnen. Ich machte mich ans Werk. Mein Hauptarbeitsort war die Berliner Staatsbibliothek. Die ruhige, kreative Atmosphäre motivierte mich zu konzentrierter Arbeit. Außerdem gab es dort bereits eine Biografie Hahnemanns von Richard Haehl in zwei Bänden, erschienen 1922. Die beiden Bücher waren in keinem guten Zustand und konnten nicht ausgeliehen werden. Besonders der zweite Band, eine akribische Dokumentensammlung, war meine bevorzugte Faktenhilfe. Das Schreiben ging voran. Das Manuskript nahm Form an und schließlich, etwa ein halbes Jahr vor Hahnemanns Geburtstag, war es fertig. In der Zwischenzeit hatte ich bereits Kontakt zu möglichen Verlagen aufgenommen, musste allerdings feststellen, dass das geplante Buch ein Zwitterwesen geworden war. Den Fachverlagen war es zu literarisch. Publikumsverlagen war es zu fachlich. Dazu kam das Argument: Wer eigentlich war Hahnemann und gibt es nicht berechtigte Zweifel an der Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln? Es gab Vorbehalte und niemand wollte mein Manuskript veröffentlichen. Gegen Ende des Jahres 2004 war ich ziemlich ratlos und schon geneigt, das Projekt aufzugeben, als ich durch Zufall einen kleinen Berliner Verlag fand, der sich auf die Veröffentlichung von Lebensläufen spezialisiert hatte und bereit war, meine Romanbiografie zu drucken. Die Zeit drängte. Wir einigten uns auf eine Mischfianzierung. Im Gegenzug erhielt ich Mitspracherecht bei der Auswahl von Papier, Gestaltung und Schrift. Das Cover gestaltete meine Tochter, Kunststudentin im letzten Studienjahr und wir schafften es tatsächlich. Anfang April 2005 hielt ich ein handliches Buch in den Händen mit einem Einband, auf dessen Farbgebung und Gestaltung ich noch heute stolz bin. Nachdem meine Romanbiografie das Licht der Buchwelt erblickt hatte, waren die nächsten Schritte Werbung und Marketing. Ich hatte inzwischen festgestellt, dass ich nicht die einzige Autorin war, die das Hahnemann-Jubiläum zu einer Veröffentlichung genutzt hatte. Es gab eine imposante, neue Biografie mit bisher unbekannten Fakten, unzählige Fachartikel in verschiedenen Medien, einen Dokumentarfilm, Interviews von Homöopathie-Befürwortern und Gegnern aus aller Welt und im Mai des Jubiläumsjahres einen Welthomöopathie-Kongress in Berlin. Inmitten dieses Hahnemann-Hypes erschien mir mein Buch wie ein David neben einer Schar Goliaths. Deshalb war ich doppelt stolz, als eine große Berliner Fachbuchhandlung meine Romanbiografie während des Kongresses an ihrem Stand präsentierte. Zusätzlich war ich Kongressberichterstatterin und konnte mich vor Möglichkeiten zu Interviews mit Homöopathen aus aller Welt kaum retten. Besonders beeindruckten mich die Vertreter der indischen Delegation. Sie hatten eine Hahnemann Büste im Kongresszentrum aufgestellt, mit Blumen bekränzt und hielten regelrechte Andachten vor diesem „Altar“ ab. Auch aus den vereinigten Staaten und aus fast allen europäischen Staaten waren namhafte homöopathisch praktizierende Ärzte und Heilpraktiker gekommen und tauschten ihre Erfahrungen aus. Das Prinzip Schulmedizin first und Homöopathie irgendwo am Rand als Begleitmedikation war auf den Kopf gestellt. Hier auf dem Kongress stand eindeutig die Homöopathie im Vordergrund, allerdings ohne dogmatische Heilungsabsichten zu beanspruchen. Das stärkte meine positive Einstellung zur Homöopathie, die sich aus eigener Erfahrung und aus dem täglichen Umgang mit Patienten in der Apotheke speiste. Außerdem ergänzte sie den Stolz auf mein Erstlingswerk wesentlich. Ich hatte fast zehn Jahre lang recherchiert und geschrieben und es war ein Buch entstanden, das sowohl fachlichen als auch literarischen Anforderungen standhielt und in den kommenden Jahren eine große Leserschaft erreichte.
